„Herzbesetzer
besetzen Herzen
verursachen Schmerzen
und zahlen nicht mal Miete
Herzbesetzer sind eine Plage
und keine Räumungsklage
kriegt sie aus dem Haus raus
Herzbesetzer, und wenn sie doch mal gehn
lassen sie bestimmt was stehn
vielleicht sogar Sperrmüll im Hof...“
(aus „Herzbesetzer“ von Siggi Sterns CD „Sägefischland",
1999)
Wie wird man nun Herzbesetzer?
Wenn doch im Arbeitsamt keine Informationsblätter auslagen. Die
Berufsberatung nichts davon wußte. Nirgends Anforderungsprofile
und Ausbildungspläne zu bekommen waren. Und ich doch irgendwann
einer geworden bin.
Blumen: 1991 gründete
sich auf einer Fahrt im Schulbus das Trio "Blumen in erichs garten".
Eine Punkband wollte man werden. Ist aber kläglich an den Voraussetzungen
dafür gescheitert. Zuwenig Bier, zuviel Akkorde. Die Texte waren
damals schon auf deutsch. Die Lieder hießen "Lieber rosarot
als tot" oder einfach nur "Liebe". Wir waren jung und
nett.
Die Band, heute Quintett, war sozusagen der Ausgangspunkt. Sie war unser
künstlerisches Experimentierfeld. Wir schrieben, malten, machten
Musik. Ohne dieses "Mutterschiff" stünde ich heute nicht
hier.
Ich habe damals auch schon alleine gespielt. Gitarre und Gesang. Es
gab viele Lieder, und manche passten einfach besser zu mir als zu "Blumen".
Die Grenze zwischen Band und Siggi Stern Solo war lange fließend.
So finden sich Songs wie "Komm nach Hause" sowohl auf Blumen-
als auch Soloplatten. Ich stelle immer wieder fest, daß viele
Singer and Songwriter, zumindest meiner Generation, selbst wenn sie
jetzt solo auftreten, immer in Bands gespielt haben. Wir sind mit anderen
durch die Punkrockschule gegangen. In verrauchten Proberäumen und
versifften Jugendhäusern. Dieser Teil meiner Herkunft ist wichtig
und hörbar.
Land und Leute: Wir
hatten zu Schulzeiten diese Kneipe. Die "Linde" war unser
zweites Wohnzimmer und als sie zugemacht hat, haben wir das letzte Konzert
da gespielt. Wir fühlten uns mit dem Ort verbunden. Man konnte
einfach in die Küche gehen und sagen wie man das Essen haben wollte.
Man kannte alle hinterm Tresen. Und manchmal vergaß man zu zahlen.
Alle Bands aus unserer Schule sind in der "Linde" aufgetreten.
Und davon gab es viele.
Wir waren auf einem Ganztagesgymnasium. Entstanden, um auch Bildungsreserven
bei uns auf dem Land auszuschöpfen. Die Schüler mußten
dafür lange Schulwege in Kauf nehmen, manche Klassenkameraden wohnten
über 50 Kilometer auseinander. Die Ganztagesschule ließ uns
gar keine andere Wahl, wir mußten uns dort verlieben und Bands
gründen. Und so blieb ich ab 15 immer häufiger in meiner Schulstadt
zum Küssen und Gitarrespielen. Die Schule am Ende der Welt zwang
uns praktisch zum Kreativsein.
Meine erste große Liebe kam aus der benachbarten Realschule. Sie
war die Tochter zweier Künstler aus Berlin. Unsere Dörfer
trennten 15 Kilometer Radweg und die Autobahn Stuttgart-Würzburg.
Ihr Vater spielte Saxophon in einer Jazzband und ich erinnere mich
gerne an die großen Gartenfeste zwischen Kunst und Krempel.
Es gab somit immer zwei Familien. Meine eigene zuhause. Mit meinen Großeltern
auf ihrem Hof, den Hausschlachtungen in der Küche und dem Gitarrespielen
im Gottesdienst. Und dann die andere. Die "alternative" Familie
in Kneipe, Schule und Skulpturengarten.
Ein Freund sagt über mich, ich würde immer Dorf spielen. Damit
meint er wohl, daß ich immer alle gleich kennen und duzen muß,
egal wie neu und groß die Stadt ist. Dieses soziale Element ist
ein wichtiger Bestandteil von Herzbesetzer.
Berufung: Häufig
bringe ich Leute dazu, nach langer Zeit mal wieder ihr altes Instrument
herauszukramen. Bei meinem Soloalbum "und in allen Zimmern blau"
spielen zwölf Freunde und Bekannte mit. Und wenn noch jemand mit
auf die Platte wollte, dann habe ich mir halt was überlegt. Vernetzen,
Menschen und Dinge zusammen bringen, liegt mir am Herzen. Vielleicht
bin ich auch deshalb irgendwann Sozialpädagoge geworden.
Und so versuche ich auf meine Art Soziales und Künstlerisches zu
verbinden. Wenn ich meine Konzerttourneen durch Küchen mache, bei
denen unterschiedlichste Menschen um die Tische sitzen und gemeinsam
Gemüse schneiden. Eine Platte mit der "Nachbarschaftshilfe"
einspiele, bei der viele befreundete Hildesheimer Künstler beteiligt
sind. Oder einfach bei Konzerten mit dem Publikum singe. Herzbesetzen
hat immer ein aktivierendes Moment. Menschen von kreativen und ausgefallenen
Projekten überzeugen und sie zum Mitmachen bewegen.
Politik: Herzbesetzer
ist also nicht nur Siggi Stern, auch wenn ich oft die treibende Kraft
dahinter bin und in allen Bands und Projekten mitwirke. Herzbesetzer
ist eher ein offenes Haus, indem viele ein- und ausgehen. Einige sind
Dauerbewohner wie ich. Andere sind Mitbewohner auf Zeit, schauen ab
und zu für die Aufnahme eines Albums vorbei. Um mal Kaffee zu trinken
oder die Wände neu zu streichen.
Auch wenn ich nie einer war, haben mich Hausbesetzer immer fasziniert.
Ein Wort aus der Szene hat mich sehr beeindruckt: "Instandbesetzen".
Was bedeutet, daß viele von den Häusern ohne ihre Besetzer
heute gar nicht mehr stehen würden. Herzen zu besetzen ist nur
eine andere Form. Das hört sich natürlich etwas hart an, aber
man hat ja, im Gegensatz zu den Häusern, die Wahl. Und gesund kann
man auf viele Arten bleiben. Meine ist, mit Liebesliedern und anderen
Aktionen andere Menschen zu berühren und dadurch zu bewegen. Denn
ein Lied kann ein Treffpunkt sein. Dauerhaft wie das Finanzamt oder
flüchtig wie ein Zirkuszelt. Und besetzen heißt ja noch lange
nicht besitzen.
Ausguck: Die Bands
und Projekte, die als Herzbesetzer unterwegs sind, tun das mit unterschiedlicher
Regelmäßigkeit. Viele Mitwirkende wohnen nicht in Hildesheim,
sondern verstreut im ganzen Land. Doch auch in Zeiten, in denen wir
nichts Konkretes zusammen unternehmen, bleiben wir in Kontakt. Tauschen
uns aus, und unterstützen laufende Aktionen mit. Bis jetzt gab
es noch nie ein Festival, das uns alle an einem Ort versammelt hat.
Das zu schaffen, wäre bestimmt ein schöner Anlaß zu
reisen. |